Dr.Ursula Müller

Einführung in die Ausstellung
Mönchehaus Museum für Moderne Kunst Goslar 10.9.1993
"Positive Symbole"
von Zygmunt Januszewski

Eine Kunstausstellung mit dem Titel "Positive Symbole" ist fast eine Provokation, sind doch in den Medien wie in der Kunst Ängste, Alpträume, Gewalt, Unterdrückung, das Destruktive Hauptthemen. Nun kommt es beinahe einem Symbol gleich, daß die Eröffnung dieser Ausstellung abseits vom Herkömmlichen, nämlich der Diele des Mönchehauses, im "Klösterchen" stattfindet. Im Hinterkopf wird man ein leichtes Kribbeln nicht los: Beginnt etwa, um mit Altmeister Goethe zu sprechen, eine neue Epoche, ein Umdenken auch bei den Künstlern?
Über unsere sogenannte Befindlichkeit muß man nicht reden. Zumal wir Deutschen, und da meine ich jene, die es nun wirklich nicht nötig haben, Weltmeister im Jammern und Klagen, in Pessimismus und Skepsis sind. In dieser Situation taucht ein Künstler aus Polen auf, aus einem Land, dem es nicht allzu rosig geht, und verkündet, daß es neben Urängsten auch Urfreude und Urhoffnung gibt, zum Bild geworden in alten Symbolen. Diese positive Kraft metaphysischer Symbole möchte er wieder aktivieren. Wer Zygmunt Januszewski als Mensch und Künstler kennt, weiß, daß er von billigem Optimismus um Welten entfernt ist. Seine Begeisterung geht immer durch den Filter des Intellekts, und eben dieser wache Intellekt läßt ihn von einer Mission der Kunst sprechen, die es nicht gestattet, auf das Vergangene zu verzichten, das Generationen geholfen hat, ihre Krisen zu überwinden. "Man kann nicht ignorieren, was die Alten geglaubt, gehofft haben, worüber sie nachgedacht haben", sagt er. Vergessene Symbole des Guten und die positiven Energien aus verschiedenen Epochen und Kulturen möchte er wieder ins Licht des Nachdenkens rücken, und das in der Sprache seiner Kunst. Symbole und Chiffren sind dem kritischen Zeichner ohnehin ein vertrautes Feld, die er umdeutet oder mit denen er als Satiriker spielt wie die Katze mit der Maus.

Zygmunt Januszewski ist ein mutiger Künstler, denn das Positive ist derzeit keineswegs in Mode. In Anlehnung an den Titel einer seiner Goslarer Ausstellungen "Ein Narr zeigt Flagge" kann man sagen "Ein Künstler zeigt Flagge". Mut hat er nicht nur in der Hinwendung zum Positiven, sondern auch mit seinem Bekenntnis zu einer Aufgabe oder Botschaft der Kunst. Januszewski hat 1987 das Goslarer Kaiserring-Stipendium erhalten, just in dem Jahr, in dem Georg Baselitz mit dem Kaiserring ausgezeichnet wurde. In der Diskussion mit den Gymnasiasten wollten sie immer wieder wissen, was er denn mit seinen Bildern aussagen wolle. Kurze Antwort des Künstlers: "Sie haben keine Botschaft". Das ist des jungen Polen Sache nicht, aber er müßte nicht Januszewski heißen, wenn er nicht um die Gefährdung der Kunst durch Außenbestimmung wie die Diktaturen nationalsozialistischer oder sozialistischer Prägung oder andere ideologische Festlegungen wüßte. Sie werden es in der Ausstellung selbst erkennen, daß bei ihm das Künstlerische absoluten Vorrang genießt. Diese Installation bietet genau betrachtet, im Visuellen nichts das Herz Erfreuende, keine heile gemütliche Welt. Sie macht keinen Spaß und verzichten bewußt auf Farbe, wie sie noch Januszewskie "Europa-Fahne" für das Mönchehaus kennzeichnete, die am Start seiner neuen Entwicklung flatterte. Damit entgeht er der Gefahr, seine Symbole an der Kunst vorbeizuführen und sie zu Illustrationen zu degradieren.
Kunst soll also Inseln des positiven Nachdenkens schaffen, und er ist überzeugt davon, daß seine Installation nicht nur äußere Verpackung ist, sondem daß sie gegen die verschiedensten negativen Strömungen mobilisiert. Aus dieser Überzeugung heraus meint er auch, daß einige Betrachter zumindest in ihrem Inneren etwas Wichtiges erfahren werden.

Die Kunst bringt nur zu häufig die dunklen Seiten unseres Bewußtseins zur Wirkung. Das sagt ausgerechnet ein kritischer und satirischer Zeichner, der mit unbestechlichem Blick hinter die Fassade der Menschen und der Gesellschaft schaut. Ausgerechnet er möchte Wegbereiter des Positiven sein. Seine Erklärung ist einfach:"Es hat eigentlich keinen Zweck mehr, das Böse weiterhin in beißenden Satiren zu enthüllen, wenn die Wirklichkeit selbst diese bösesten Aspekte unablässig überrundet". Heute hat die Krise nicht nur Politik und Sozialverhalten erreicht, sondern auch die Kirchen. Wer sich intensiv auf die Installation einläßt - und nur dem wird sie sich erschließen - entdeckt religiöse Wurzeln des Künstlers, die mit kirchlicher Bindung nichts zu tun haben. Das räumt er offen ein. Er möchte sich seine eigene Kirche bauen, ohne Orthodoxie und Fixiertsein auf die Konfession. Und das, was er uns zeigt, ist zugleich eine Gegenaktion gegen kirchlich-starre Rituale. Nach seiner Sicht leben wir in einer "Zeit der neuen Gläubigkeit", denn der Mensch halte es nicht aus, ohne Hoffhung zu leben und seine Leere nur mit Konsum und Leistung zu füllen. Aber die Kunst ist für ihn keineswegs eine neue Religiosität, wohl aber könne in ihr das Metaphysische überleben.

Der Künstler weiß sehr wohl um die Schwierigkeiten, die der moderne Mensch mit Symbolen hat. "Vielleicht ist es ein Zeichen meiner Naivität, meines kindlichen Glaubens, durch das Abstrakte die Wirklichkeit verändern und verbessern zu wollen", sinniert er. Das Entziffern von Symbolen fällt dem modemen Menschen schwer, hat er doch das Unbewußte weitgehend abgeschaltet, die Antennen für Meditation und Kontemplation eingezogen. Für die Menschen früherer Zeiten waren sie schon eher ein offenes Buch, in dem heute noch lesen kann, wer die Schnitzereien an Goslars mittelalterlichen Häusem studiert, seien es Sonnenräder oder Eierketten zu Häupten der "Wilden Männer" an der Tür des Mönchehauses. Wie phantasiereich haben die Steirunetzen der Romanik den Kampf des Guten gegen das Böse in Symbolen an den Kapitellen gestaltet. Freilich wird schon hier die dem Symbol innewohnende Ambivalenz deutlich: Der Fisch kann das Zeichen für Christus wie für den Teufel sein. Und auch Januszewski ist sich durchaus der Tatsache bewußt, daß Symbole des Guten schmählich mißbraucht werden können. Man denke nur an das Hakenkreuz. Deswegen sind geistige Wachsamkeit und Sensibilität beim Entschlüsseln gefragt. Der Künstler nennt daher auch die Zeit, die man mit dem Nachdenken über Installationen und Symbole verbringt, "gewonnene Zeit". Und damit wären wir dann endlich im "Atelierhaus" und bei der Ausstellung angelangt. Das ist nur ein Ort positiven Denkens, denn das Mönchehaus ist in seiner Gesamtheit ein lebendiges Beispiel dieser Denkrichtung.

In den neu gewonnenen Räumen ist unumstrittener Mittelpunkt die von Januszewski in der Hohen Tatra gefundene und reparierte Egge. Nichts erinnert mehr an ihre ursprüngliche Funktion, andererseits muß niemand dem Betrachter sagen, daß es sich hier um ein Symbol der Fruchtbarkeit handelt. Die Schärfe der Zapfen, mit denen der Boden aufgerissen wurde, verwandelt der Künstler durch die langen biegsamen Zweige des Vogelbeerbaumes mit den Fähnchen in ein Element des Verbindenden. Der Vogelbeerbaum, in der Hohen Tatra gefällt, weil er angeblich Tannen- und Fichtenwälder gefährdet, erhält an dieser Stelle eine neue positive Bedeutung. Die Symbole auf den kleinen, die Raumsprache intensivierenden Fähnchen sind aus den unterschiedlichsten Kulturen und Epochen zusammengetragen, aus China, Indien oder von den Azteken. Links und rechts der Egge dürre Zweige des Vogelbeerbaums, die wie leere Fahnenstangen auf Aktivitäten zu warten scheinen. Die Achse, die die Egge mit den Zweigen bildet, wird durchkreuzt vom "Tisch der Welt" oder "Tisch der Entscheidung", gebildet aus über hundertjährigen Brettern mit ihren Ast- und Nageilöchern, ihren Verfärbungen und den alten Nägeln, krummen oder geraden. Auf diesem Tisch ist noch alles möglich, erläutert Januszewski, wie Faust steht der Betrachter an einer Weggabelung, zwischen dem Pakt mit Gott oder dem Teufel. Der Künstler hat sich entschieden, da muß man nur auf die Wände schauen: Er bekennt sich zum Guten.

Wie magische Zeichen wirken zwei große Symbole, in Erdfarben aus der Asche des Osterfeuers auf weißes Fahnentuch gemalt. Und dann ziehen Worte wie Völkerscharen auf weißen Tüchern an der Wand lang: Hoffnung, Lebensbaum, Fruchtbarkeit, Koexistenz, Glück, Erde, Jungfrau Maria, Isis. Manches bedarf der Sprache, Symbole wiederum sollen durch das Wort intensiviert werden. Januszewski träumt vom "Tempel der Unvergeßlichkeit", und es ist nicht zu übersehen, daß von diesem Raum in Weiß und Schwarz ein Hauch des Sakralen ausgeht. Eine Wand hat er in ihrem Urzustand belassen mit altem Fachwerk, Putzresten und verwitterten Ziegeln: Ein Symbol an sich. Merkwürdig, wie durch dieses Gegenüber die Intensität verstärkt wird. Eines freilich muß man mit dem Künstler nicht disputieren: Die Installation spricht stärker den Intellekt als die Sinne an. Im Eingangsbereich der Ausstellung befindet sich mit einer Pinnwand das Aufgabenfeld für den Besucher. Er soll auf Fähnchen Symbole zeichnen, Worte oder Gedichte schreiben. Der Künstler möchte die Betrachter aktivieren mit diesem Angebot, das zugleich ein Test für seine Arbeit ist, die er als einen Lebensprozeß einstuft. Unser Wunsch kann es nur sein, daß von diesen positiven Symbolen aus aller Welt einmal weltweit positive Signale ausgehen.