Zygmunt Januszewski
Fluß der Zeichnungen. Wanderung der Symbole

Die Zeichnung: Was ist das überhaupt? Die bewußte, sensible Linie, um Symbole zu bannen. Vor einigen tausend Jahren brachte die Zeichnung die Schrift hervor, bändigte die Sprache, konnte sich aber bis heute von der Alltäglichkeit ihrer Bedeutung nicht befreien. In unserer Nach-Renaissance-Kultur wurde die Zeichnung zur Kraftprobe des Künstlers. Man hält sie oft für seine erste Spur, häufig auch für eine künstlerische Brücke zur Malerei, zur Graphik, zum Entwerfen, zur Bildhauerei oder zum Dichten gehalten.

Der linguistisch begabte Zygmunt Januszewski bedient sich seiner Zeichnungen wie einer Sprache zum Schreiben unhörbarer Gedichte. Die Geschichte seiner Zeichnungen fing in seinem letzten Studienjahr an der Kunstakademie an. Ich halte die 1980-1981 entstandene theoretische Diplomarbeit Das System für die wichtigste Abhandlung dieser Zeit, weil sie die Erwägungen über die Theorie der Kunst und die der Zeichnung zu einem - wie sich in den späteren Jahren zeigen sollte - prophetischen Codex vereinte. Das System ist eine Abhandlung über das Kodifizieren der Phantasie und über die Methoden, sie mit Hilfe von Zechen, Formen und Symbolen anzuregen. Diesem System lag die Annahme zugrunde, daß die Welt aus einer geschlossenen, bestimmten Gruppe von Zeichen gebaut wurde, die wiederum unendlich viele Inhalte-Botschaften bilden können. Eine nicht orthodoxe, tückische, manchmal überraschende Definition des Zeichens war der Anfang des Schaffensprozesses. Das System suggeriert, daß man zuerst ein Alphabet formulieren muß, um zeichnen (verstanden als schaffen) zu können. Aus der heutigen Perspektive gesehen hat die Formulierung dieses Alphabets ersten zehn Jahre des Zeichnens in Anspruch genommen. Fast alle Zeichnungen aus der Zeit 1981-1993 enthielten die sich entwickelnden Bestandteile einer neuen Sprache. Jede darauffolgende, wichtige Zeichnung diente der Befreiung dieses sich wiederholenden Teilchens. Manche Zeichen sind gleich am Anfang entstanden und fingen sofort an, ein Doppelleben der Zeichen-Symbole zu führen. Der diesen Zeichnungen entnommenne Zyklus der ,,Flaggen?, ähnlich wie der der ,,Augen?, sind Beispiele für die sehr subtile Grenze zwischen dem Zeichen und dem Symbol. Hier kann man entweder den Entwicklungsprozeß einer Anektode erkennen, die aus einigen wenigen Strichen entsteht, oder das Verwischen von Inhalten im Prozeß der Synthese, die zum Zeichen führt.

Dieses Zeichenspiel zirkulierte jedoch um die stets wiederkehrenden ,,Probleme-Formen-Bedeutungen?, die von den Beobachtern am häufigsten im Bezug auf Politik, Philosophie und Literatur interpretiert wurden. Selten jedoch bemerkte man, daß sie selbst ein System und die Regeln ihres eigenen Lebens schaffen. In dieser Welt kann man die Erscheinung beobachten, die den Künstler selbst besonders interessiert, die Erscheinung der DUALITÄT. Das Thema vieler Zeichnungen sind die Dichotomien ,,Zerfall-Schöpfung?, ,,Gleichgewicht-Zerfall?, ,,Kreis -Gerade? als ,,Geschlossenheit und Unendlichkeit?. Einmal ist das der Kampf der Gegensätze, das andere Mal der der

Ähnlichkeiten. Das Szenario setzt voraus, daß zwei Kräfte präsent sind, wobei man nicht weiß, ob sie gemeinsame oder entgegengesetzte Vektoren haben. Der Inhalt des Geschehens ist das unvorhersehbare Ergebnis ihrer Konfrontation. In der Zeichnung Ideales Gleichgewicht beruhen Statik und Gleichgewicht zugleich auf einer unmöglichen, extrem wenig wahrscheinlichen Anordnung der Elemente in den Zustand der Bewegungslosigkeit. Es ist eine Bewegungslosigkeit im Bruchteil einer Explosion. Zur Hervohebung der DUALITÄT dienen viele Zeichen-Symbole: Pfeile-Symbole der mentalen Richtung und der physischen Bewegung; Fahnen, Wegmale der Verständigung: ideologische, militärische oder Golffähnchen. Lanzen und Schilde, die im Leben das sind, was die Gerade und die Kurve in der Geometrie, also die Grundlage des Systems.

Das andere Phanomen, das in den Zeichnungen von Zygmunt oft enthüllt wird, ist die Erscheinung der Freiheit-Entfremdung. Eine seltsame Form der Freiheit, bei der einzelne Elemente aus einem Kontext flüchten, um ihr eigenes, individuelles, aber nicht immer glückliches Leben anzufangen. Augen, Mund, Hände, Beine, Masken sind Emigranten eines Körpers, dessen sie überdrüssig geworden sind. Das Auge hat beschlossen, ein Fenster, ein Bildschirm, eine Billardkugel oder die Erdkugel zu werden. Alles hängt vom individuellen Ehrgeiz ab. Die Hand wird zum Schiff, zur Macht, zum Bau. Die Formen-Zeichen ändern ihre Bedeutung. Der Mund ist ein Tor, aber auch ein Gleitsegel, die Beine sind Geschosse der Materie oder Flügel der Windmühle. Die Masken, Usurpatoren des Gesichts, ermöglichen die sichere Flucht; sie können genausogut Fahnen oder ein Gerüst für den Palast der Lüge und der Unwissenheit sein.

Die Dualität und die Entfremdung haben ihre Lieblingsschauplätze. Es sind Treppen, Labyrinthe und Bücher als Bauten. Die Umgebung, die des Dramas von Dualität und Entfremdung würdig ist. Die Treppe ist am häufigsten der Lebensweg, der Pfad der Jagd nach sich selbst, der vaudevilleartige Schauplatz des Triumphs oder des Mißerfolgs. Labyrinthe und Bücher haben ähnliche Bedeutung. Verlorenheit in der Metapher, das ist die Spezialität der Klosterbibliotheken. Selbstverstandlich existiert hier auch der Hauptheld von Zygmunt - der Mensch. Weder dumm noch schlau noch schön, aber überhaupt nicht böse oder gedemütigt. Es ist einfach ein Mensch (und dabei sollen wir uns nicht von den spitzen Mützen, spitzen Schuhen und gestreiften Hosen täuschen lassen) in seiner alltäglichen Würde des Fallens, der Zerrissenheit, der Einsamkeit, der Sicherheit und der Angst - es ist das menschliche Wesen. Das sind wir selbst und unsere Haltung der Politik, der Verwüstung der Gedankenwelt, den Augenblicken des Glücks und der Frühlingseuphorie gegenüber. Es ist ein Mensch und ein Künstler obendrauf, der einzige, der den Ausweg aus einem Labyrinth erahnen kann oder der sich romantisch in das Weltall aus Strichen und Flecken stürzt.

Die Erfahrung des Zeichensystems und die Untersuchung der einzelnen Zeichen und Symbole schlug in einem bestimmten Augenblick des Schaffens von Zygmunt unerwartet einen neuen Weg ein. Ich habe den Eindruck, daß der Zeichenbaum, eine Installation, die 1993 für die Jubiläumsausstellung im Kunstverein Oerlinghausen entstanden ist, dieser Umbruch war. Aus den über ein Meter breiten Armen eines liegenden Kreuzes wuchsen dünne und lange (häufig 4 m hohe) Ebereschenruten empor, an deren Enden Papierzettel mit Farbflecken und Strichen angeheftet waren.

Es war eine Ausstellung der Zeichnungen, in der die einzelnen Elemente der Zeichnung zum ersten Mal ihre Freiheit errungen und die einzelnen, nicht in eine Zeichenkomposition integrierten Zeichen ihre Kraft des Systems entdeckt hatten. Dies erlaubte wiederum, die bisherigen Zeichnungen als disziplinierte, aber nur bruchteilhafte Äußerungen zu sehen. Im Zeichenbaum sind die formalen Mittel wiederbelebt worden, die als Fleckchen, Kleckse, Kratzer, Spritzer, Abschabsel und Sprenkel die bisherigen Zeichnungen in plastische Kompositionen verwandelten. Die in vielen Arbeiten sichtbaren ,,kleinen künstlerischen Tollheiten? fingen an, ihre Freiheit zu spüren, und kletterten auf den Zeichenbaum. Das System erfaßte nicht nur Fragen nach der Bedeutung, sondern auch Fragen nach der Form.

Ungefähr zur selben Zeit (etwa in den Jahren 1990-1993) entstand das dritte Interessengebiet, das Zeichenplakat. Der Weg zum Plakat war ziemlich untypisch, weil alles mit der Doppelseite einer Zeitung oder eines Buches angefangen hatte. Zygmunt illustrierte nur äußerst selten Texte. Es waren die Zeitungsleute, die seine ,,Nicht-Presse-Zeichnungen? mit fertigen Essays verheirateten. Unabhangig davon, ob die Zeichnungen in der ,,Zeit?, in der ,,Welt?, den Züricher oder Warschauer Zeitungen veröffentlicht werden sollten, wurden sie überall mit bewunderswerter Richtigkeit mit der Essayistik von Umberto Eco oder Hannah Arendt in einem Atemzug genannt. Aus diesem Dialog mit der philosophischen Essyistik resultiert die Fortsetzung: der Dialog mit der Literatur-, Poesie und Musikkritik. Von hier aus ist es nicht weit zum Theaterplakat. Manchmal konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Thaetralik des auf diesen Zeichnungen blühenden Lebens in den Theaterplakaten verwandt wurde. Die Entdeckung des Plakats, eines leserlichen, klaren und synthetischen Plakats, erfolgte auf dem Weg ,,von der Literatur? oder ,,von der Musik?, und nicht von der Straßenkunst. Man könnte die Befürchtung hegen, daß ?Zeichenplakate? dieser Art in der Kakophonie der Straße untergehen, daß die Zeichnung einen zu intimen Charakter hat, um sie so zu ,,vergrößern ?. Die Antwort auf diese Befürchtungen lieferte die Idee des Opernhauses in Bielefeld, wo das Plakatmotiv Armer Columbus zu einem Riesenwandplakat vergrößert wurde, mit dem man die Stirnseite des Theatergebäudes schmückte. Als solches wurde es zu einem der größten Zeichenplakate überhaupt.

Seit dem Anfang der neunziger Jahre zeichnete sich übrigens eine andere Erscheinung im Schaffen von Zygmunt ab, die ihren Ursprung in der Zeichnung hatte, sich aber um das Symbol konzentrierte: die Fahnen und die Fahnengraphik. Die Nutzung des Systems vereinte noch einmal die formal traditionelle Kunst (Tusche, Feder, Aquarelle) mit der Rauminstallation. Fertige, einige Meter hohe Fahnen wurden als Träger von Symbolen, von riesigen Zeichnungen benutzt und enthüllten dabei ihre Kraft in Aktivitaten und Happenings (Tönsberg, Heidelberg, das STUDIO -Theater in Warschau). Der Zeichenfluß auf dem Tönsberg, ein Stoffstreifen 60 m lang, auf dem symbolische Darstellungen entstanden sind, wurde in Fahnen zerschnitten, die auf Flaggenstöcke befestigt und von den Einwohnern der deutschen Oerlinghausen getragen wurden. Die immer synthetischer gewordenen Zeichnungen machten sich auf den Weg. Die Fahnenaktivitaten wurden zur Animation der Welt, die früher in der Zeichnung eingeschlossen war. In das Labyrinth der Stadt gingen Menschen mit Fahnen und Pfeilen hinein, die auf sich gestellt um positive Energie kämpften. Die Wanderung der Symbole hatte begonnen.

Dorota Folga-Januszewska